Nichts ist beständiger als die ständige Veränderung

Ring2 Niko19 BruesselfotoRegensburg, 25. Dezember  2019 (Ring) – Wer kennt sie nicht, die legendäre Rockballade der Scorpions aus dem Jahre 1989. Nichts ist im Grunde beständig, alles verändert sich regelmäßig und das ist auch gut so. Gerade der Hochleistungssport kennt sehr kurze Halbwertszeiten, in denen der so ewig geglaubte Ruhm wieder ganz schnell verglühen kann. Wenn Altes geht, hat Neues Chancen, es ist der Lauf der Dinge. Das erfährt auch die LG Telis Finanz in diesem Jahr. Das seit Jahren konstant im nationalen Spitzenbereich angesiedelte Laufteam mit einem ungewöhnlich hohen Altersdurchschnitt seiner Asse, verliert 2019 drei Altgediente, sozusagen ständiges Inventar der letzten Jahre, alle international dekoriert, sogar bis zu Olympiareife. Philipp Pflieger, Jonas Koller und Franziska Reng sagen leise Servus und haben für all die Jahre bei uns Dank und vollen Respekt verdient.

Pflieger,Ramdane1 DMCross19 Kiefnerfoto

Die Gründe sind ganz verschiedene. Nach zwölf Jahren, in denen sich Philipp Pflieger hier in Regensburg so ziemlich alle seine sportlichen Träume erfüllen konnte, letztendlich 2016 als Marathonläufer noch die Olympischen Spiele in Rio erleben durfte, ist aus dem jungen damals 20-jährigen Himmelsstürmer ein reifer Erwachsener geworden, der sich jetzt sogar als selbständiger Laufprofi sieht. Er sollte inzwischen alles wissen, was man zum Laufen und zum weiteren Leben braucht. Ich denke, wir können ihm von unserer Seite keine entscheidenden Impulse mehr geben, unsere Aufgabe scheint erfüllt zu sein. Er muss sich nun ganz selbst beweisen und da ist der Schritt aus den Lehrjahren in Regensburg hin zur Selbständigkeit in Hamburg genau der Richtige. Was nach außen hin als Entfremdung erscheint, ist in Wirklichkeit der Mut zur Abnabelung. Er wird mit seiner Lebensgefährtin Barbara weiterhin in Regensburg leben. Was uns besonders gefreut hat, ist die Tatsache, dass er weiterhin Mitglied im Förderverein der LG Regensburg bleiben wird. Wir wünschen ihm für’s nächste Frühjahr die Kraft und das Glück, vielleicht doch noch einmal Olympia, diese Mal in Tokio, wieder im Marathon zu rocken.

Koller1 EM Marathon2018 KiefnerfotoDer Apfel fällt nicht weit vom Stamm,  könnte man im Fall von Jonas Koller sagen. Vor zehn Jahren kam er aus Velburg als Sechzehnjähriger zu den Blauen, weil er zum Fußballspielen mit seinem filigranen und schlanken ostafrikanischen Körperbau viel zu zart war. Er wurde im Lauf der Jahre zum glühenden Verehrer seines großen Vorbilds Philipp Pflieger. Leider ließ er dabei die Schattenseiten der Pfliegerschen Karriere auch nicht aus. Schwere und nicht ganz einfache Verletzungen zwangen den jungen Mann immer wieder zu langen Laufpausen, so jetzt wieder seit seiner Marathon-EM-Teilnahme 2018 in Berlin. Seit Privatleben musste zudem Turbulenzen hinnehmen. Nun setzt er genauso wie sein Vorbild auf den Profisport, will sich mit Hilfe von Sponsoren gänzlich dem professionellen Laufen widmen. Erst vor wenigen Wochen wurde er am Knie operiert. Nach einer mehrwöchigen Rehaphase, noch in Regensburg, will er dann in den Olympiastützpunkt Wattenscheid umziehen. Sobald  mal der erste Groll von schlimmen sechs oder sieben Monaten verrauscht sein wird, wird er sicher erkennen, dass das alles nichts mit der LG Telis Finanz zu tun hatte. Wir wünschen „Johnny“, wie Jonas Koller in Laufkreisen gekannt wird, beim TV Wattenscheid einen bombigen und erfolgreichen Neueinstieg.

Reng Dattke DM HM2018 KiefnerfotoGanz anders gelagert ist der Fall Franziska Reng. Franzis Körper lässt nach gerade mal überstandener Erkrankung und vielen schlimmen Monaten, die 2018 die sichere EM-Teilnahme im Marathon  verhinderten, kein Laufen mehr auf höchsten Niveau zu. „Ich werde mit meinen jetzigen Möglichkeiten natürlich das Team bei den Mannschaftswettkämpfen unterstützen“, sagte sie tapfer, wusste wohl aber auch, dass der sportliche Neuanfang Triathlon – ein logischer Schritt, nachdem sie als Schülerin bereits im Leistungssport Schwimmen erfolgreich gewesen war – in der Realität wenig Spielraum lassen wird. Zweimal für Europameisterschaften 2016 und 2018 nominiert, kam sie beim ersten Mal in Amsterdam auf der Halbmarathondistanz nicht ins Ziel und dann zwei Jahre später in Berlin gleich gar nicht mehr an den Start. Da mag sie dann auch gespürt haben, dass im Marathon fünf Minuten schneller auf den ersten Blick zwar eine überwindbare Zeitspanne ist, dies aber ihren Körper erneut in gefährliche Bereiche manövriert hätte. Man wird sehen, was nach einigen frühen Jahren im Schwimmen und fast zehn Jahren beim Laufen nun in der Kombination Triathlon für Franzi Reng möglich sein wird.

Harrer London 06Das Laufteam der Blauen war auch fast ohne Pflieger – er stand als einziger der Drei ein einziges Mal in einem Meisterschaftsteam -, Reng und Koller so erfolgreich wie selten zuvor. Kein deutscher Verein sammelte 2019 mehr nationale Titel als das Regensburger Erfolgsteam. Insgesamt ließen sie sich 19mal Gold umhängen. Dass so ein Aderlass von Altgedienten durchaus Chancen für Neues möglich macht, liegt in der Natur der Sache. Andere sind inzwischen bereits in die Leitwolf-Rolle geschlüpft und man spürt deutlich, dass ihnen das gut tut, ohne hier speziell Namen zu nennen,  und nicht nur in Notfällen werden die verbliebenen Altgedienten Florian Orth, Benedikt Huber, Anja Scherl und neuerdings auch wieder Corinna Harrer, die eine  wunderbar Metamorphose von der Nur-Läuferin zur voll berufstätigen Feierabendsportlerin hingebracht hat,  zeigen, dass sie noch lange nicht „fertig haben“. Gerade im Falle Harrer, die wie keine/r Andere/r im Team die Härten und Ungerechtigkeiten im Hochleistungssport zu verspüren bekam, die nun aber zeigt, wie erfolgreich der oft schwierige Übergang ins normale Leben leise gestaltet sehr erfolgreich sein kann.

Vielleicht ist auch im fast dreißigköpfigen Reservoir der vielen Neuzugänge und Jungspunde  wieder ein neuer Orth, Pflieger, Harrer oder Scherl dabei. Das geht oft ganz schnell, wie das Beispiel Miriam Dattke zeigt. Vor drei Jahren kannte  das siebzehnjährige Mädel, das nach dem Abitur aus Berlin zu mir nach Regensburg kam, noch keiner. In diesem Jahr hat sie mächtig abgeräumt. Was mich besonders freut, ist die Tatsache, dass in Hinblick der 2023 entstehenden Leichtathletikhalle, mit dem neuen Langsprintteam ein wichtiger Schritt in die Zukunft gemacht wurde. Die fast acht Jahre lang dauernde Monokultur des Laufens wurde damit ad acta gelegt und mit Teamleiter Reinhard Köchl, sowie Trainerin Ruth Mayer verfügen die jungen Hoffnungsträger  Mentoren, die über zwei der wichtigsten Eigenschaften im Leistungssport verfügen: Leidenschaft und Leidensfähigkeit. Präsident Norbert Lieske, der vor wenigen Tagen die Truppe am Oberen Wöhrd beim Stützpunkttraining besuchte, drückt es treffend aus: „Ich habe das Gefühl, hier wird was Wunderbares entstehen.“ Wir jedenfalls von der Führung der LG werden das noch zarte Pflänzchen so gut wie wir nur können unterstützen und pflegen. Ich denke, wir gehen auf eine spannende Zeit zu, auch dann, wenn Olympia für die meisten jungen Hoffnungsträger/Innen noch zu früh kommt.

Kurt Ring
Teamchef der LG Telis Finanz Regensburg